Was derzeit wahrscheinlich ist
Nach Berichten unter Berufung auf Personen aus dem Umfeld der Europäischen Zentralbank sind viele Ratsmitglieder bereit, den Einlagensatz im September von 2,25 auf 2,50 Prozent anzuheben. Die Sitzung findet am 9. und 10. September statt. Der Schritt gilt am Markt als wahrscheinlich, ist aber noch nicht beschlossen.
Die EZB hatte im Juli pausiert. Aus dem Sitzungsprotokoll geht hervor, dass eine spätere Erhöhung bereits als wahrscheinliche Option gesehen wurde. Neue Inflations- und Energiesignale haben den Handlungsdruck seitdem erhöht.
Warum die Inflation wieder Sorgen macht
Die Gesamtinflation im Euroraum ist über drei Prozent gestiegen. Gleichzeitig ging die Kerninflation, bei der Energie und Lebensmittel ausgeklammert werden, leicht von 2,5 auf 2,4 Prozent zurück. Auch der Preisdruck bei Dienstleistungen verringerte sich von 3,3 auf 3,0 Prozent.
Das Bild ist deshalb nicht eindeutig. Der neue Schub kommt stark von außen, insbesondere über Energie. Die EZB muss entscheiden, ob daraus ein vorübergehender Preissprung oder eine länger anhaltende Inflationswelle wird.
Der Anleihemarkt verschärft die Lage
Steigende Renditen an den internationalen Anleihemärkten verteuern Kredite bereits, noch bevor die EZB entscheidet. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen lag zuletzt bei rund 4,81 Prozent; auch europäische und japanische Renditen standen unter Aufwärtsdruck. Investoren verlangen einen höheren Ausgleich für Inflations- und Haushaltsrisiken.
Für Staaten, Unternehmen und private Kreditnehmer bedeutet das höhere Finanzierungskosten. Immobilienkredite, Unternehmensanleihen und Investitionsprojekte können teurer werden, selbst wenn der Leitzins nur um 0,25 Prozentpunkte steigt.
Was ein höherer EZB-Zins leisten kann
Ein höherer Einlagensatz dämpft Nachfrage und Kreditvergabe. Er signalisiert außerdem, dass die EZB einen erneuten Inflationsanstieg nicht einfach hinnimmt. Das kann verhindern, dass Unternehmen und Beschäftigte dauerhaft mit immer höheren Preisen rechnen.
Gegen den unmittelbaren Auslöser – teureres Öl durch geopolitische Risiken – wirkt dieses Instrument jedoch kaum. Ein Zinsschritt fördert kein Barrel zusätzlich und senkt keine Versicherungsprämie für Tanker. Er behandelt mögliche Zweitrundeneffekte, nicht die Energieknappheit selbst.
Wer die Folgen spürt
Sparer profitieren tendenziell von höheren Geldmarktzinsen, sofern Banken diese weitergeben. Kreditnehmer, Bauherren und Unternehmen tragen dagegen höhere Kosten. Für eine ohnehin schwache europäische Konjunktur ist das schmerzhaft. Gleichzeitig würde ein Verlust an Preisstabilität Haushalte mit niedrigen und mittleren Einkommen besonders hart treffen.
Aquachoice-Kommentar
Die EZB sollte weder aus Angst vor schlechten Schlagzeilen handeln noch so tun, als könne Geldpolitik einen geopolitischen Energieschock beseitigen. Eine maßvolle Erhöhung auf 2,50 Prozent kann vertretbar sein, wenn neue Projektionen zeigen, dass Inflationserwartungen und Zweitrundeneffekte wirklich steigen.
Entscheidend ist die Begründung: Der Rat muss offenlegen, welche Daten für den Schritt sprechen und unter welchen Bedingungen er wieder pausiert. Ein Zinsschritt darf kein Autopilot sein. Er ist ein Instrument mit realen Nebenwirkungen für Investitionen, Wohnen und Wachstum.