Die Kurzfassung
Das von Russland kontrollierte Kernkraftwerk Saporischschja ist seit längerer Zeit von einer verlässlichen externen Stromversorgung abgeschnitten und auf Notstromaggregate angewiesen. Nach Angaben der Internationalen Atomenergiebehörde meldete die Anlage zuletzt Dieselvorräte für ungefähr zehn Tage. Das entspricht dem regulatorisch vorgeschriebenen Mindestvorrat.
Die Zahl bedeutet nicht, dass nach exakt zehn Tagen automatisch ein Unfall eintritt. Sie zeigt aber, wie wichtig regelmäßige Lieferungen, funktionierende Generatoren und eine schnelle Wiederherstellung externer Leitungen sind.
Warum ein abgeschalteter Reaktor weiterhin Strom braucht
Alle sechs Reaktoren befinden sich im Abschaltzustand. Auch dann entsteht weiterhin Nachzerfallswärme. Brennstoff und Sicherheitssysteme müssen überwacht und gekühlt werden. Pumpen, Messgeräte, Steuerungen und Kommunikationssysteme benötigen Elektrizität.
Ein Stromausfall ist deshalb in jedem Kernkraftwerk ein ernstes Ereignis. Normalerweise existieren mehrere unabhängige externe Leitungen und zusätzliche Notstromebenen. In Saporischschja wurden Leitungen während des Krieges wiederholt beschädigt oder unterbrochen.
Zwanzig Notstromaggregate
Das Kraftwerk verfügt über 20 große Notstromdieselgeneratoren. Die IAEA besichtigte einen Großteil der Aggregate und überprüfte Treibstoffstände. Zusätzlich beobachteten ihre Mitarbeiter die Lieferung mehrerer Dutzend Tonnen Diesel aus zwei nahe gelegenen Lagerorten.
Das ist eine wichtige Entlastung, ändert aber nichts am Grundproblem: Dieselgeneratoren sind eine Rückfallebene für begrenzte Zeit und kein vernünftiger Dauerbetrieb für Europas größtes Kernkraftwerk.
Was militärisch ungeklärt bleibt
Russland und die Ukraine beschuldigen sich regelmäßig gegenseitig, für Angriffe und Beschädigungen in der Umgebung verantwortlich zu sein. Viele Einzelvorwürfe lassen sich unabhängig nicht zweifelsfrei bestätigen. Die IAEA dokumentiert den Anlagenzustand, kann den militärischen Konflikt aber nicht beenden.
Der sinnvollste kurzfristige Schritt wäre eine lokale Vereinbarung, die Reparaturen an den Stromleitungen ermöglicht und jede militärische Nutzung der Anlage sowie ihrer unmittelbaren Umgebung ausschließt. Ohne ein Mindestmaß an Zusammenarbeit bleibt jede Reparatur provisorisch.
Risiko ohne Panikmache
Die Lage ist ernst, aber sie ist nicht mit einem unmittelbar bevorstehenden zweiten Tschernobyl gleichzusetzen. Die Reaktoren sind abgeschaltet, die Generatoren laufen und Diesel wurde geliefert. Gleichzeitig kann ein Krieg mehrere Sicherheitsebenen gleichzeitig beschädigen. Genau deshalb warnt die IAEA vor einer langen Abhängigkeit von Notstrom.
Aquachoice-Standpunkt
Ein Atomkraftwerk gehört nicht an die elektrische Herz-Lungen-Maschine eines Krieges. Hier geht es nicht um Propagandapunkte für Moskau oder Kiew, sondern um eine Anlage, deren schwerer Ausfall weit über die Ukraine hinaus Folgen haben könnte.
Beide Seiten müssen Reparaturen und eine neutrale Sicherheitszone ermöglichen. Wer ein Kernkraftwerk zum militärischen Faustpfand macht, spielt nicht mit einem Gegner, sondern mit Millionen Unbeteiligten.
